- Das Experteninterview ist ein leitfadengestütztes Interview mit Personen, die über besonderes Wissen zu Ihrem Thema verfügen – etwa durch Beruf oder Funktion.
- Der Leitfaden gliedert sich in Einstieg, Themenblöcke und Abschluss; er gibt Struktur, lässt aber Raum für Nachfragen.
- In Bachelorarbeiten sind etwa 5 bis 10 Interviews üblich – entscheidend ist eine begründete Auswahl.
- Ausgewertet wird meist mit der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring oder Kuckartz.
Was ist ein Experteninterview?
Experteninterviews sind eine qualitative Erhebungsmethode. Befragt werden Menschen, die aufgrund ihrer Position oder Erfahrung über ein spezielles Wissen verfügen, das anderswo nicht oder nur schwer zugänglich ist – zum Beispiel Personalverantwortliche, Lehrkräfte, Ärztinnen, Gründer oder Fachkräfte der Sozialen Arbeit.
Anders als bei einem narrativen Interview interessiert dabei weniger die Lebensgeschichte der Person als ihr Fach-, Prozess- oder Erfahrungswissen. Methodisch prägend sind im deutschsprachigen Raum unter anderem die Arbeiten von Meuser und Nagel, Gläser und Laudel sowie Bogner, Littig und Menz – ein Blick in eines dieser Standardwerke lohnt sich für Ihren Methodenteil.
Ob ein qualitativer Zugang überhaupt zu Ihrer Frage passt, klärt unser Artikel Qualitative oder quantitative Methode.
Wann eignet sich das Experteninterview?
- Das Thema ist neu oder wenig erforscht, es gibt kaum Literatur oder Daten.
- Sie möchten Abläufe, Entscheidungen oder Erfahrungen aus der Praxis verstehen.
- Sie untersuchen eine Organisation, Branche oder ein Projekt und brauchen Innensichten.
- Ihre Forschungsfrage beginnt mit „Wie …“, „Welche Herausforderungen …“ oder „Welche Faktoren aus Sicht von …“.
Wenig geeignet ist das Experteninterview, wenn Sie Häufigkeiten oder statistische Zusammenhänge ermitteln wollen. Dafür ist eine standardisierte Befragung die bessere Wahl.
Expertinnen und Experten auswählen
Die Auswahl der Befragten ist eine methodische Entscheidung, die Sie im Methodenteil begründen müssen. Legen Sie vorab Kriterien fest, zum Beispiel:
- Funktion oder Position (z. B. Teamleitung in der Pflege)
- Mindestdauer an Berufserfahrung im relevanten Bereich
- Art der Organisation (z. B. kommunal vs. privat, klein vs. groß)
- Unterschiedliche Perspektiven, um ein breites Bild zu erhalten
Wie viele Interviews? Eine feste Zahl gibt es nicht. In Bachelorarbeiten sind etwa 5 bis 10 Interviews üblich, in Masterarbeiten häufig etwas mehr. Ein guter Hinweis auf eine ausreichende Zahl ist, wenn neue Interviews kaum noch neue Aspekte liefern (theoretische Sättigung).
Tipp zur Rekrutierung: Fragen Sie früh an – Fachleute haben volle Kalender. Bewährt haben sich persönliche Kontakte, berufliche Netzwerke wie LinkedIn, Verbände und die Empfehlung bereits Befragter („Schneeballprinzip“).
Den Interviewleitfaden erstellen
Der Leitfaden ist Ihr Gerüst für das Gespräch. Er stellt sicher, dass alle relevanten Themen angesprochen werden und die Interviews vergleichbar bleiben. Er wird aber nicht starr abgelesen – Nachfragen und eine flexible Reihenfolge sind ausdrücklich erwünscht.
Fragen entwickeln mit dem SPSS-Prinzip
Ein bewährtes Verfahren stammt von Cornelia Helfferich. Es hat nichts mit der Statistiksoftware zu tun, sondern steht für vier Schritte:
- Sammeln: Notieren Sie alle Fragen, die Ihnen zum Thema einfallen – ohne zu bewerten.
- Prüfen: Streichen Sie Fragen, die nicht zur Forschungsfrage beitragen, reines Faktenwissen abfragen oder suggestiv sind.
- Sortieren: Ordnen Sie die übrigen Fragen in thematische Blöcke.
- Subsumieren: Formulieren Sie je Block eine offene Leitfrage und ordnen Sie die übrigen Fragen als Nachfragen darunter.
Aufbau des Leitfadens
| Teil | Inhalt | Beispiel |
|---|---|---|
| Einstieg | Begrüßung, Ziel der Studie, Einwilligung, Aufnahme starten, Einstiegsfrage zur Person und Funktion | „Können Sie kurz Ihre Aufgaben in Ihrer derzeitigen Position beschreiben?“ |
| Themenblock 1 | Offene Leitfrage plus Nachfragen | „Wie hat sich die Einführung der digitalen Dokumentation auf Ihren Arbeitsalltag ausgewirkt?“ |
| Themenblock 2 | Offene Leitfrage plus Nachfragen | „Welche Herausforderungen sind dabei aufgetreten?“ |
| Themenblock 3 | Offene Leitfrage plus Nachfragen | „Was hätte Ihnen bei der Umstellung geholfen?“ |
| Abschluss | Raum für Ergänzungen, Dank, Ausblick | „Gibt es noch etwas, das Ihnen wichtig ist und das wir nicht angesprochen haben?“ |
Gute Interviewfragen
Hilfreiche Nachfragen sind etwa: „Können Sie dafür ein Beispiel nennen?“, „Wie ist es dazu gekommen?“ oder „Was meinen Sie genau mit …?“
Pretest
Testen Sie Ihren Leitfaden vorab mit einer Person aus dem Umfeld der Zielgruppe. So merken Sie, ob Fragen verständlich sind, ob die Reihenfolge funktioniert und wie lange das Gespräch dauert. Üblich sind 30 bis 60 Minuten pro Interview.
Durchführung und Datenschutz
- Einwilligung: Holen Sie vor dem Interview eine schriftliche Einwilligung zur Aufzeichnung, Auswertung und Veröffentlichung in anonymisierter Form ein. Viele Hochschulen stellen dafür Vorlagen bereit.
- Aufnahme: Nehmen Sie das Gespräch auf – per Diktiergerät oder über die Aufzeichnungsfunktion eines Videotools. Testen Sie die Technik vorher.
- Gesprächsführung: Hören Sie aktiv zu, lassen Sie Pausen zu und unterbrechen Sie nicht. Der Leitfaden ist eine Orientierung, kein Fragebogen.
- Postskript: Notieren Sie direkt nach dem Gespräch Ihre Eindrücke, Besonderheiten und Störungen.
- Anonymisierung: Ersetzen Sie Namen, Orte und Organisationen im Transkript durch Kürzel (z. B. „Expertin 1“, „Klinik A“).
Transkription
Für die Auswertung wird das Gespräch verschriftlicht. Für Experteninterviews genügt meist ein einfaches, geglättetes Transkript: Dialekt wird ins Hochdeutsche übertragen, Füllwörter und Wortabbrüche können entfallen, der Inhalt steht im Vordergrund. Verbreitet sind dafür die Transkriptionsregeln nach Dresing und Pehl.
Rechnen Sie mit etwa vier bis acht Stunden Transkriptionsaufwand pro Interviewstunde. Automatische Spracherkennung kann viel Zeit sparen, das Ergebnis muss aber sorgfältig nachkorrigiert werden. Achten Sie dabei auf den Datenschutz der genutzten Software. Transkripte kommen in der Regel in den Anhang oder werden auf Anfrage bereitgestellt.
Auswertung mit der qualitativen Inhaltsanalyse
Am häufigsten werden Experteninterviews mit der qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet. Die beiden verbreitetsten Varianten stammen von Philipp Mayring und Udo Kuckartz. Das Grundprinzip ist ähnlich:
- Kategoriensystem entwickeln: Hauptkategorien leiten Sie aus Theorie und Leitfaden ab (deduktiv), weitere Kategorien entstehen beim Lesen des Materials (induktiv).
- Kodierleitfaden anlegen: Für jede Kategorie definieren Sie, was dazugehört, und nennen ein typisches Textbeispiel (Ankerbeispiel).
- Material kodieren: Sie ordnen die Textstellen aller Interviews den Kategorien zu – am einfachsten mit Software wie MAXQDA, ATLAS.ti oder dem kostenlosen QCAmap.
- Kategorien auswerten: Sie fassen die Aussagen je Kategorie zusammen, vergleichen die Perspektiven der Befragten und belegen Ihre Befunde mit Zitaten.
- Ergebnisse darstellen: Der Ergebnisteil folgt meist dem Kategoriensystem; prägnante Zitate machen ihn anschaulich.
Beispiel für eine Kategorie aus dem Kodierleitfaden:
| Kategorie | Definition | Ankerbeispiel |
|---|---|---|
| Technische Hürden | Aussagen über Probleme mit Hardware, Software oder Netzwerk im Zusammenhang mit der digitalen Dokumentation | „Gerade nachts ist das WLAN auf Station so schlecht, dass wir am Ende doch wieder auf Papier schreiben.“ (Expertin 3) |
Bei der Auswahl und Begründung der passenden Auswertungsmethode unterstützt Sie unsere Methodenberatung.
Was gehört in den Methodenteil?
- Begründung, warum ein qualitativer Zugang und speziell Experteninterviews gewählt wurden
- Kriterien für die Auswahl der Befragten und kurze, anonymisierte Beschreibung der Stichprobe
- Entwicklung und Aufbau des Leitfadens inklusive Pretest (Leitfaden im Anhang)
- Durchführung: Zeitraum, Ort bzw. Format, Dauer, Aufzeichnung, Einwilligung
- Transkriptionsregeln
- Auswertungsmethode mit Quellenangabe und Kategoriensystem bzw. Kodierleitfaden
- Reflexion der Gütekriterien, z. B. Transparenz, Nachvollziehbarkeit und eigene Rolle als Interviewer/in
Häufige Fragen
Darf ich die Interviews per Videocall führen?
Ja, Online-Interviews sind inzwischen weit verbreitet und methodisch anerkannt. Achten Sie auf eine stabile Verbindung, eine ruhige Umgebung und die Einwilligung zur Aufzeichnung.
Muss ich die Transkripte in den Anhang packen?
Das regeln die Hochschulen unterschiedlich. Häufig gehören Leitfaden und Kodierleitfaden in den Anhang, die vollständigen Transkripte digital oder auf Anfrage. Fragen Sie Ihre Betreuung.
Wie zitiere ich aus meinen Interviews?
Kennzeichnen Sie Zitate mit dem anonymisierten Kürzel und der Fundstelle im Transkript, zum Beispiel „(Experte 2, Z. 45–47)“. Einheitlichkeit ist dabei wichtiger als ein bestimmtes Format.